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Die Wahrheit liegt im Scherbenhaufen

Premiere für Kleists „Der zerbrochene Krug“ bei der Laienspielschar Windischeschenbach in Neuhaus
Jedes gute Theaterstück, zumal ein mächtiger deutscher Klassiker, der 200 Jahre auf dem Buckel hat, ist gleichsam Freund und Gegner eines Laien-Ensembles: In dem Maße, wie es Chancen liefert, sich spielerisch auszutoben, liefert es auch Herausforderungen und Hürden, die es zu meistern gilt. Mit dem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811) hat sich die Laienspielschar Windischeschenbach heuer einen starken und sprachlich anspruchsvollen Gegner ausgesucht: Bei der Premiere auf der Naturbühne zwischen Burg Neuhaus und ausverkauften Reihen erwies sich die Truppe um Regisseur Bertwin Fleck am Freitagabend jedoch als ebenbürtig.
Sittengemälde und Posse

Kleists um 1800 angesiedeltes Sittengemälde führt die Obrigkeitsgläubigkeit der einfachen, ungebildeten Bürger vor – was in Flecks Inszenierung unter anderem durch die Art angedeutet wird, in der von den Bediensteten Bücher in den Dreck geworfen oder zum Heizen verwendet werden. Der „Krug“ ist, oberflächlich betrachtet, nicht viel mehr als eine sprachgewaltige, aber leicht zu durchschauende Posse, in der jeder Zuschauer den Figuren immer mehrere Schritte voraus ist.

„Wer zerbrach den Krug?“, lautet zwar die immer wieder gestellte Frage, aber die Antwort steht der Hauptfigur mit blutigen Wunden von Anfang an auf der kahlen Stirn geschrieben. Der feiste Dorfrichter Adam hat versucht, die Jungfer Eve mit einem linken Trick ins Bett zu locken, wurde dabei von Eves Verlobtem Ruprecht überrascht und mit einer Türklinke vermöbelt, um danach auf der Flucht auch noch seine höchstrichterliche Perücke zu verlieren. So ein Pech aber auch. Erkannt, immerhin, hat ihn bei seiner Nacht- und Nebelaktion niemand.Mit ramponiertem Haupt und kaputtem Fuß erwacht Adam tags drauf, die Probleme gehen weiter: Der Gerichtsrat Walter kommt, um ihm bei der nächsten Verhandlung auf die Finger zu schauen. Und bei der taucht ausgerechnet Eves Mutter Marthe auf und bezichtigt den Ruprecht, nicht nur die Unschuld der Tochter, sondern auch einen wertvollen Krug auf dem Gewissen zu haben.  Mit naiv-grotesken Manövern schafft es Adam lange, die Aufmerksamkeit von seiner Schuld abzulenken, am Ende aber findet die Wahrheit auch hier den Weg ans Licht.

Der Dorfrichter Adam gilt nicht ohne Grund als eine der fleischigsten Männerrollen des deutschsprachigen Theaters: Ein pralle, urige Figur ist das, die Hauptdarsteller Gerald Wildgans mit starker Stimme und stimmiger Gestik mit Bravour meistert. Die Schau stiehlt ihm mit seinem komödiantischen Gespür höchstens Hannes Rupprecht in der Rolle des linkischen Schreibers Licht, der als erster die Charade seines Chefs durchschaut.

Stimmiges Bild
Renate Schönberger gibt eine furchtlose, energiegeladene Marthe („Du weißt noch nicht, wo mir die Haare wachsen!“), Ludwig Müller macht aus seinem Ruprecht ein fahriges Nervenbündel, das sich mit hektischen Stakkato-Sätzen vor Gericht verteidigt. Und Brigitte Flieger bringt mit hoher Stimme und leicht monotonem Singsang die endlose Naivität der Eve hervor, die eigentlich am Anfang des ganzen Schlamassels steht.
Das authentische Bühnenbild (Markus Rupprecht und Josef Prucker) und die ebenso echten Kostüme von Renate Steindl und Beate Stock ergeben zusammen mit dem engagierten Ensemble ein stimmiges, sehenswertes Bild. Vor diesem Gegner hat Flecks Mannschaft zu Recht keine Angst gezeigt.
(„Der Neue Tag“, 20.07.2009)


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